Die Welt im Glas: Wie Nationalgetränke Geschichte und Kultur widerspiegeln

Die Welt im Glas: Wie Nationalgetränke Geschichte und Kultur widerspiegeln

Ein Land besteht nicht nur aus seiner Geografie und seiner Sprache. Es sind die Architektur und die Feste, die Arbeitskultur und die Gastfreundschaft, die ein Land ausmachen. Und kaum ein Aspekt einer Kultur ist uns zugänglicher als ihre Gastronomie und ihre Trinkkultur. In Europa und auf der ganzen Welt kann man sich auf eine spannende Reise begeben, wenn man den flüssigen Genuss der Menschen kennenlernen möchte. Denn schließlich hat so ziemlich jedes Land ein offizielles oder inoffizielles Nationalgetränk, das die Menschen vor Ort verbindet und Besucher begeistert. Nicht selten hat das vor allem damit zu tun, was vor Ort wächst, doch die Traditionen gehen oft Jahrhunderte zurück und haben sich mit der Zeit weiterentwickelt.

Die Teehäuser des Ostens

Im Zen-Buddhismus ist Tee mehr als ein Getränk. Die sorgfältig gepflegten Teezeremonien zelebrieren die Achtsamkeit, die in dieser Philosophie so zentral ist, und haben stark formalisierte Abläufe. Aber auch abseits der Religion treffen die gereiften Oolong-Sorten auf den grünen Matcha. Für junge Menschen in Japan und China sind sie genauso Teil ihrer Kultur wie für die älteren Generationen.

Gemeinschaft in Südamerika

In Südamerika wiederum wird Mate-Tee getrunken. Hier ist das Getränk weniger stoisch und mehr gemeinschaftlich ausgelegt und in Argentinien und Uruguay wird Mate nie allein getrunken. Stattdessen teilen sich die Menschen eine Kalebasse und einen Trinkhalm, was Gemeinschaft und den demokratischen Austausch symbolisiert.

Die anatolische Gastfreundschaft

Auch in der Türkei wird die Gemeinschaft groß geschrieben. Das Anisgetränk Raki ist hier ein kulturelles Erbe, dessen Herstellung auf tiefen Traditionen basiert und Menschen unterschiedlicher Gruppen vereint. Raki wird am liebsten als sogenannte Löwenmilch konsumiert, also mit ein wenig Wasser, das den Schnaps milchig weiß färbt. Getrunken wird in Gemeinschaft und mit langsamen Genuss.

Das Erbe der Antike am Mittelmeer

Denken wir an Länder wie Italien, Frankreich und Georgien, kommen wir an bauchigen Gläsern und edlen Tropfen nicht vorbei. In der Mittelmeerregion war Wein lange sowohl Grundnahrungsmittel als auch Sakrament, und das mediterrane Klima und der dadurch so geförderte Weinbau sind Teil des nationalen Stolz in diesen Ländern. Kein Wunder also, dass er auch die Landschaften und die Architektur geprägt hat.

Die heilige Pflanze der Azteken

In Mexiko wiederum gilt eine Pflanze als heilig, und das ist die Agave. Die Azteken haben sie mit Tequila und Mezcal fest in ihre Kultur aufgenommen und mit strengen Regeln der Herkunftsbezeichnung und dem besonderen Handwerk des Jimadores beschützt. Was früher als Schnaps der armen Leute abgetan wurde, ist heute ein Premium-Produkt, das überall auf der Welt geschätzt wird und Mexiko stolz macht.

Das Wasser des Lebens in Skandinavien

In den nordischen Ländern Skandinaviens hat sich die Kunst der Getränke besonders auf Basis von Kräutern entwickelt. Kümmel und Dill wachsen auch im rauen Klima und das Destillieren von Getreide und Kartoffeln macht die Produktion von Aquavit, dem sogenannten Wasser des Lebens, möglich. Es ist eine Lektion der Anpassungsfähigkeit und das Anstoßen ist hier ein Symbol für die gegenseitige Anerkennung und das Innehalten. Diese Beispiele von der ganzen Welt zeigen, dass jedes Glas ein Stück Kulturerbe widerspiegelt. Wer versteht, wie ein Volk gemeinsam trinkt, versteht oft auch, wie es fühlt und wie es feiert.

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